Vom Reagieren zum Agieren: Change Management für erfolgreiche Transformation

Enormer Veränderungsdruck, globaler Wettbewerb, steigende Energiekosten, Fachkräftemangel, technologischer Wandel – die produzierende Industrie in der Region Nordschwarzwald steckt tief in der Transformation. Wer jetzt abwartet, riskiert, den Anschluss zu verlieren. Deshalb lud das Transformationsnetzwerk (TraFoNetz) Nordschwarzwald zu einem Online-Impuls ein: 90 Minuten geballtes Praxis- und Expertenwissen zu Change Management.
Amelie Pross und Tobias Herwig von fischer Consulting gaben bei der Impuls-Veranstaltung des Transformationsnetzwerks (TraFoNetz) Nordschwarzwald Praxis- und Experten-Tipps für erfolgreiches Change Management. ©Fotos:fischer/Composing:GerdLache

Tobias Herwig und Amelie Pross von der international agierenden fischer Consulting GmbH in Waldachtal kommen aus einer Unternehmensgruppe, die eine der konsequentesten Lean-Transformationen der deutschen Industrie durchlaufen hat: Toyota-Produktionssystem, Kaizen und 25 Jahre Erfahrung. Ihre zentrale Botschaft an die Online-Teilnehmenden des „Transformations-Impuls“: Wer Digitalisierung einführt, ohne vorher die Prozesse zu verschlanken, digitalisiert im Zweifel nur Chaos.

Selbst wer dies befolgt hat, scheitert eventuell am Faktor Menschen. Laut einer Studie, auf die sich Herwig und Pross beziehen, können rund 70 Prozent aller Transformationsmandate ohne begleitendes Change Management keinen nachhaltigen Erfolg verbuchen.

Fokus auf die Menschen

Change Management, so Herwig, bedeute nicht, Workshops abzuhalten und Mitarbeitende zu informieren. Es bedeute, den gesamten Veränderungsprozess methodisch zu steuern und zwar von der Analyse der Ausgangssituation über die Entwicklung einer klaren Vision bis hin zur konsequenten Umsetzung von Maßnahmen. Und alles mit dem Fokus auf die Menschen, die den Wandel am Ende tragen müssen.

Am Beispiel eines mittelständischen Unternehmens aus der Intralogistik – seit mehr als 20 Jahren am Markt, spezialisiert auf Mehrweg-Transport- und Lagerlösungen – zeigte Amelie Pross, wie ein strukturiertes Change-Management-Vorgehen aus einem Unternehmen mit Silo-Denken und fehlender Prozesstransparenz eine Organisation machen kann, die täglich dazulernt.

Warum machen wir das?

Der Einstieg: Communication Canvas, ein auf den ersten Blick schlichtes, vierfarbiges Werkzeug, das aber eine erstaunliche Wirkung entfalten kann. Rot steht für Dringlichkeit und Ist-Zustand, Grün für die Vision, Gelb für Menschen und Kultur, Blau für Prozesse und Vorgehensweise. Gemeinsam erarbeitet, entstehen daraus Storylines für die Kommunikation, mit Antworten auf die wichtige Frage im Wandel: Warum machen wir das?

Dazu kommt Role Model Canvas, mit dem Rollen und Verantwortlichkeiten sichtbar und diskutierbar werden. Wer tut was und warum? Diese Klarheit, so die Erfahrung von Pross und Herwig, sei oft der entscheidende Hebel. Überschneidungen werden sichtbar, Entscheidungskompetenzen klar, Kommunikationsflüsse planbar.

Das Ergebnis: ein funktionierendes Shopfloor-Management-System mit klarer Kommunikationskaskade über drei Ebenen, definierten Kennzahlen nach der SQKLM-Logik (Sicherheit, Qualität, Kosten, Lieferservice, Mitarbeiter) und einem täglichen Rhythmus, der aus einem reaktiven Betrieb eine lernende Organisation macht.

Zukunftsfähige Prozesse

Noch eine Stufe weiter dachte Tobias Herwig beim zweiten Praxisbeispiel: der Lean- und Digital-Transformation im eigenen Haus, dem Unternehmen fischer. Der Dreiklang für zukunftsfähige Prozesse in der Produktion lautet:

Prozessvision: Zuerst verstehen, was der Wertstrom heute wirklich leistet und wie er morgen aussehen soll. Am Beispiel der SXRL-Dübelfertigung bei fischer wurde deutlich, was passiert, wenn man diesen Schritt überspringt: Über 60 manuelle Lösungen, unzählige Medienbrüche, Papierberge im Lager. Deshalb: Digitalisierung beginnt mit dem ehrlichen Blick auf den Ist-Zustand.

Digitalisierungsebenen: Von End-to-End-Prozessen über bereichsübergreifende Lösungen bis hin zu lokalen, dezentralen Anwendungen. Herwig präsentierte dabei auch Low-Code-Lösungen wie digitale 5S-Selbstchecks und Reifegrad-Audits, die Mitarbeitende direkt per App nutzen können. Schnelle Umsetzung, schnelle Erfolge sind Strategie.

Lean-Kultur & Befähigung: Der vielleicht unterschätzteste Faktor. Bei fischer wurde dafür eine eigene Lean Learning Academy aufgebaut, die Schulungen für alle Ebenen anbietet: von der Führungskraft bis zur Produktion, vom Einsteiger bis zum Experten. Wöchentliche fPS-Freitage – fPS steht für fischer ProzessSystem –, ein jährlicher fPS-Preis mit mehr als 300 eingereichten Projekten, digitale und analoge Kommunikationsformate. Das alles sei kein Nice-to-have, es sei die Grundlage dafür, dass Wandel im Alltag gelebt werde.

TraFoNetz – ein Netzwerk mit Schubkraft

Möglich gemacht hat diese Impuls-Veranstaltung das Transformationsnetzwerk (TraFoNetz) Nordschwarzwald, ein Projekt unter Konsortialführungder Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH (WFG), das von einem breiten Bündnis regionaler Partner, wie der Hochschule Pforzheim, der Agentur für Arbeit und der AgenturQ, getragen wird. Marcel Rath, Projektmanager Forschungsgrundlagen bei TraFoNetz und Moderator des Events, machte in seiner Einleitung deutlich, warum das Netzwerk so wichtig ist: Die Region steht unter besonderem Druck. Rund 1.300 Unternehmen im Automobilsektor, mehr als 30.000 Beschäftigte und zwei der vier Landkreise zählen zu jenen deutschen Regionen, in denen überdurchschnittlich viele Menschen entlang des konventionellen Antriebsmotors arbeiten. Der Strukturwandel ist hier brandaktuell.

TraFoNetz, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), agiert Rath zufolge als Katalysator: Es vernetzt Unternehmen, fördert Innovationen, unterstützt bei der Entwicklung neuer Transformationsstrategien, vergrößert den regionalen Fachkräftepool und treibt Weiterbildung voran.

Unterstützung für Unternehmen der Region

TraFoNetz-Aktivitäten sind beispielsweise: Vier veröffentlichte Markteintrittshandbücher für die Bereiche Medizintechnik, Umwelttechnik, Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung liefern Unternehmen, die sich diversifizieren wollen, einen realistischen Fahrplan. Ein regionales Dashboard auf Basis von HeyHugo ermöglicht datengestützte Einblicke in Wirtschaftskennzahlen der Region und macht diese sofort greifbar, etwa durch den einfachen, direkten Vergleich der eigenen regionalen Arbeitslosenquote mit umliegenden Wirtschaftsräumen, oder der detaillierten Übersicht weiterer Standortfaktoren wie dem Bruttoinlandsprodukt, der Gründungsintensität und der Exportquote. Und die wachsende Plattform Nordschwarzwald bietet zunehmend digitale Infrastruktur, von Veranstaltungsanmeldungen über Vernetzung bis hin zu einer digitalen Messefläche. Hinzu kommen individuelle Unterstützungsmaßnahmen für regionale Unternehmen.

Das 2022 gestartete Projekt wurde bis Ende 2026 verlängert; bereits jetzt läuft die Neuausschreibung für „TraFoNetz 2.0“ (2027–2029). Denn der Transformationsbedarf in der Region Nordschwarzwald sei nicht kurzfristiger Natur, ebenso wenig wie die die Unterstützung durch das Transformationsnetzwerk.

www.trafonetz.de

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