Region Nordschwarzwald setzt mit TraFoNetz 2.0 zu entscheidender Transformations-Etappe an

Regionale Akteure wollen den industriellen Wandel weiter aktiv gestalten: Die Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH (WFG) und die Hochschule Pforzheim haben jetzt beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) unter dem Schlagwort „TraFoNetz 2.0“ einen Antrag auf Weiterführung des erfolgreichen Transformationsnetzwerks (TraFoNetz) Nordschwarzwald gestellt.
Treiben gemeinsam mit gewichtigen Akteuren der Region Nordschwarzwald das Projekt „TraFoNetz 2.0“ voran (von links): Professor Dr. Bernhard Kölmel (Vorsitzender des TraFoNetz-Transformationsbeirats) und WFG-Geschäftsführer Jochen Protzer. Foto:GerdLache

„Im Nordschwarzwald droht eine Gefährdung der regionalen Wertschöpfungsbasis. Wir können nicht warten. Wir müssen den Wandel aktiv gestalten – mit konkreten Angeboten, mit Netzwerken, mit einem klaren Plan für die Region“, sagt WFG-Geschäftsführer Jochen Protzer. Ziel sei es, das seit Ende 2022 erfolgreich laufende Projekt vom 1. Januar 2027 an bis zum 31. Dezember 2029 fortzuführen und damit die Unternehmen der Region in einer entscheidenden Phase des Strukturwandels nachhaltig zu begleiten. Das beantragte Fördervolumen für die drei Projektjahre betrage knapp 5,4 Millionen Euro, die vollständig durch Bundesmittel finanziert werden sollen. Nun liege der Ball in Berlin.

Grafik: Gerd Lache / BadenPresse (KI-generiert)

Für die Region geht es laut Protzer um weit mehr als ein Förderprojekt. Es gehe um Perspektiven für Betriebe, Beschäftigte und die wirtschaftliche Zukunft des Nordschwarzwalds mit rund 620.000 Menschen in den Landkreisen Enzkreis, Calw, Freudenstadt und dem Stadtkreis Pforzheim. Das industrielle Rückgrat des Nordschwarzwalds stehe unter massivem Druck: Knapp mehr als 13 Prozent aller Beschäftigten in der Region, rund 30.000 Menschen, hängen Protzer zufolge direkt oder indirekt von der darbenden Automobilwirtschaft ab. Angesichts einer Kurzarbeiterquote, die fast dreimal so hoch ist wie der baden-württembergische Durchschnitt und einer besorgniserregenden Insolvenzentwicklung setzen die regionalen Akteure nun auf die Karte „TraFoNetz 2.0“.



Derweil sei die Fortführung des Projekts nach der beantragten Förderperiode bereits gesichert, gibt Landrat Helmut Riegger als Vorsitzender des WFG-Aufsichtsrats bekannt: Der Aufsichtsrat der WFG habe in einem Grundsatzbeschluss die dauerhafte Verankerung des Transformationsnetzwerks von 2030 an bestätigt. Das Netzwerk solle nach dem Ende der Förderperiode auf eigenen Beinen stehen und fortgeführt werden.

GrafiK: Gerd Lache/ BadenPresse (KI-generiert)

Das Konzept hinter TraFoNetz 2.0 folge einem sogenannten 3-Horizonte-Ansatz, erläutert Professor Dr. Bernhard Kölmel von der Hochschule Pforzheim. Im ersten Horizont gehe es darum, das laufende Kerngeschäft durch Digitalisierung und Automatisierung wettbewerbsfähig zu halten. Im zweiten Horizont würden Unternehmen dabei unterstützt, ihre Kernkompetenzen, etwa in der Präzisionsbearbeitung oder im Sondermaschinenbau, auf neue Branchen wie Medizintechnik, Energietechnik oder die Sicherheitsindustrie zu übertragen. Der dritte Horizont ziele auf radikale Innovation: neue Geschäftsmodelle im Bereich software-definierter Fahrzeuge, KI-basierter Dienste oder datengetriebener Mobilität.



Die Hochschule Pforzheim bringe mit ihrem Institut für Smart Systems und Services (IoS³) eine entscheidende Qualität in das Netzwerk: Die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in praxisnahe Lösungen zu übersetzen. Dabei gehe es unter anderem um rund 250 Industrieinteraktionen pro Jahr und etwa 50 industrienahe Veranstaltungen. „Wir wollen nicht nur Orientierung geben, wir wollen, dass Unternehmen nach einem Workshop mit einem konkreten Plan nach Hause gehen. Und wir wollen, dass Beschäftigte, die heute noch Teile für den Verbrennungsmotor fertigen, morgen eine Qualifizierung in der Hand halten, die ihnen neue Perspektiven öffnet“, macht Kölmel deutlich.



Konkret bedeute das für die Unternehmen der Region: Diversifizierungs-Workshops würden dabei helfen, bestehende Kompetenzen in neue Märkte zu übertragen. Standardisierte „Playbooks“ böten strukturierte Leitfäden für Marktanalyse und Markteintritt. In überbetrieblichen Demonstrations- und Lernumgebungen an der Hochschule Pforzheim, sogenannte Future Labs, könnten Betriebe neue Technologien wie KI-Anwendungen oder Automatisierungsszenarien hautnah erleben, ohne selbst investieren zu müssen.

Grafik: Gerd Lache / BadenPresse (KI-generiert)


Ergänzt werde das Angebot durch eine Arbeitsmarktdrehscheibe, die Fachkräfte zwischen Unternehmen vermittelt und gezielte Qualifizierungsangebote koordiniert – mit dem Ziel, dass kein Beschäftigter in der Region den Veränderungen schutzlos ausgeliefert sei. „Transformation gelingt nicht im Alleingang. Sie braucht Wirtschaft, Wissenschaft, Kammern, Gewerkschaften und die Agentur für Arbeit an einem Tisch“, hebt TraFoNetz-Projektleiterin Katharina Bilaine hervor. Entsprechend trägt der in Berlin eingereichte Weiterführungs-Antrag viele Namen aus der Region.



Als Konsortialpartner bringen die Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald und die Handwerkskammer Karlsruhe die unmittelbare Nähe zur Unternehmerlandschaft und in ihre Netzwerke ein. Die Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim sichere den Zugang zu arbeitsmarktpolitischen Instrumenten und stelle sicher, dass Weiterbildungsangebote fördertechnisch anerkannt würden. Die AgenturQ, eine gemeinsame Einrichtung von IG Metall und Südwestmetall zur Förderung betrieblicher Weiterbildung, bringe die Perspektive der Sozialpartner ein. Protzer und Kölmel machen deutlich: „TraFoNetz ist eine konzertierte Aktion für die Region Nordschwarzwald.“

(gel)

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