Lifehacks für mehr Gelassenheit mit Antje Holzer, Resilienz-Trainerin: Wessen Rucksack tragen Sie da eigentlich?

Wer viel wahrnimmt und sich gut in andere hineinversetzen kann, übernimmt schnell Verantwortung, die eigentlich gar nicht die eigene ist. Antje Holzer, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zeigt, warum Abgrenzung nicht Gleichgültigkeit bedeutet – und wie wir lernen können, fremde „Rucksäcke“ wieder abzustellen.
Manchmal tragen wir Sorgen und Probleme mit uns herum, die eigentlich anderen gehören. Wer lernt, Verantwortung abzugeben, schafft Raum für die eigenen Bedürfnisse. Foto ©KI-gestützter Inhalt

25.09.2026

Sind Sie feinfühlig?

Manche Menschen haben ein sehr feines Gespür für das, was um sie herum geschieht. Sie betreten einen Raum und merken sofort, wenn die Stimmung angespannt ist oder hören am Tonfall, dass das Gegenüber etwas beschäftigt. 

Diese Feinfühligkeit kann eine Stärke sein und ermöglicht echtes Zuhören und ein gutes Gespür für andere Menschen. Doch sie hat auch eine Schattenseite: Wer viel wahrnimmt, kann sich auch schnell verantwortlich für andere fühlen.

Dann wird aus einem knappen „Okay“ in der Nachricht eines Mitmenschen ein abendfüllendes Gedankenprogramm:

„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Sollte ich noch einmal nachfragen?“
„Was kann ich tun, damit es dem anderen besser geht?“

Und ehe wir uns versehen, tragen wir einen Rucksack, der uns gar nicht gehört.

Besonders vertraut ist dieses Muster Menschen, die gelernt haben, immer aufmerksam zu sein. Vielleicht war es früher wichtig, Stimmungen schnell zu erkennen, Rücksicht zu nehmen oder Schwierigkeiten möglichst früh abzufangen. Aus dieser Erfahrung kann eine innere Haltung entstehen, die uns bis heute begleitet:

Wenn es einem Menschen in meiner Nähe nicht gut geht, muss ich etwas tun.

Also versuchen wir, Konflikte zu verhindern, Enttäuschungen abzumildern und Probleme zu lösen – manchmal noch bevor der andere überhaupt ausgesprochen hat, was er braucht.

Nach außen sieht das nach Hilfsbereitschaft aus. Innerlich bedeutet es oft Dauerbereitschaft.

Wir denken über Entscheidungen nach, die gar nicht unsere sind. Wir führen Gespräche im Kopf, die noch nicht stattgefunden haben. Wir suchen Lösungen für Menschen, die uns weder um Rat noch um Unterstützung gebeten haben.

Unser Kopf macht Überstunden für das Leben anderer.

Natürlich geht es nicht darum, sich von allem abzugrenzen und bei jeder Schwierigkeit zu sagen: „Nicht mein Problem.“ Wir brauchen Mitgefühl, Verbundenheit und Menschen, die füreinander da sind.

Doch es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Kümmern und Übernehmen.

Kümmern heißt: Ich höre Ihnen zu.
Übernehmen heißt: Ich fühle mich dafür zuständig, dass es Ihnen danach besser geht.

Kümmern heißt: Ich sage ehrlich, was ich denke.
Übernehmen heißt: Ich versuche, Sie vor jeder falschen Entscheidung zu bewahren.

Das eine schafft Verbindung. Das andere erschöpft.

Denn in dem Moment, in dem wir die Verantwortung für das Wohlbefinden eines anderen übernehmen, stellen wir uns eine Aufgabe, die wir gar nicht erfüllen können. Wir können unterstützen, ermutigen, zuhören und begleiten. Aber wir können nicht kontrollieren, welche Entscheidungen ein anderer Mensch trifft und wie sein Leben verläuft.

Warum wir trotzdem nicht loslassen

Zu viel Verantwortung hat nicht nur mit Hilfsbereitschaft zu tun. Häufig ist sie auch ein Versuch, die eigene Unsicherheit zu beruhigen.

Solange wir nachdenken, planen und handeln, fühlen wir uns weniger machtlos. Wir haben das Gefühl, wenigstens etwas zu tun. Abzuwarten und darauf zu vertrauen, dass der andere selbst einen Weg findet, kann wesentlich schwerer sein.

Dahinter steckt oft eine unausgesprochene Hoffnung: Wenn ich aufmerksam genug bin, kann ich verhindern, dass etwas schiefgeht.

Nur leider lässt sich das Leben nicht vollständig absichern. Menschen, die wir lieben, treffen Entscheidungen, die wir nicht verstehen. Sie schlagen Umwege ein und machen Erfahrungen, vor denen wir sie gerne bewahrt hätten.

Das auszuhalten, fühlt sich manchmal beinahe lieblos an. Dabei kann genau darin eine Form von Respekt liegen: dem anderen zuzutrauen, dass er sein Leben selbst bewältigen kann.

Wir dürfen einen Menschen lieben, ohne sein Leben für ihn zu führen. Wir dürfen helfen, ohne uns für das Ergebnis verantwortlich zu machen. Und wir dürfen da sein, ohne ständig alles im Blick zu behalten.

Ein kurzer Rucksack-Check

Wenn Sie merken, dass Sie sich gedanklich wieder intensiv mit dem Leben eines anderen beschäftigen, halten Sie kurz inne. Stellen Sie sich vor, der Gedanke, den Sie gerade mit sich herumtragen, wäre tatsächlich ein Rucksack.

Dann fragen Sie sich: „Gehört dieser Rucksack wirklich mir?“

Falls nicht, prüfen Sie weiter:
„Hat mich der andere darum gebeten, ihn zu tragen?“
„Kann ich gerade tatsächlich etwas bewirken – oder versuche ich, meine eigene Unruhe zu beruhigen?“
„Wie kann ich unterstützen, ohne die Verantwortung zu übernehmen?“

Vielleicht braucht es ein Gespräch oder eine konkrete Hilfe. Vielleicht reicht auch ein Satz wie:

„Ich bin da, wenn du mich brauchst. Gleichzeitig traue ich dir zu, deinen eigenen Weg zu finden.“

Und manchmal braucht es gar keine Handlung. Nur die bewusste Entscheidung, den Rucksack wieder dort abzustellen, wo er hingehört. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vertrauen.

Denn Sie dürfen Menschen begleiten, ihnen zuhören und ein Stück neben ihnen gehen. Aber Sie müssen nicht jedes Gepäck auf Ihre Schultern laden, nur weil Sie stark genug wären, es zu tragen.

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