„Das muss erst verdient werden“ – Kritik an Entlastungsprämie aus der Region wächst

Pforzheim/Enzkreis. Was in Berlin als Entlastung gedacht ist, sorgt im Handwerk der Region für Stirnrunzeln – und zunehmend auch für Frust. Die geplante steuerfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro pro Mitarbeitenden wird von vielen Betrieben kritisch gesehen. Denn was auf dem Papier gut klingt, stellt sich im Alltag oft anders dar.
Bis zu 1.000 Euro pro Mitarbeitenden: Was als Entlastung gedacht ist, stellt viele Betriebe vor finanzielle Fragen. Foto: ©KI-gestützter Inhalt

20.04.2026

von Tanja Meckler

Auf Nachfrage bei der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis hagelt es deutliche Worte: „Die See da draußen ist möglicherweise rauer, als in Berlin zu merken ist. Unternehmen brauchen Rückenwind und nicht mehr Gewichte an Deck!“

Die im politischen Raum diskutierte steuerfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro pro Mitarbeitenden stößt im Handwerk der Region Pforzheim/Enzkreis auf deutliche Kritik.

Von Seiten der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis heißt es weiter: „Zwar wirkt die Möglichkeit einer steuerfreien Sonderzahlung auf den ersten Blick attraktiv. Tatsächlich werden damit jedoch neue Erwartungen geschaffen und die Verantwortung faktisch auf Unternehmerinnen und Unternehmer verlagert. Der Verweis auf die steuerliche Absetzbarkeit führt dabei zu einem zentralen Missverständnis: ‚Absetzbar‘ bedeutet nicht kostenfrei. Die Mittel müssen zunächst erwirtschaftet werden und genau das ist derzeit für viele Handwerksbetriebe die größte Herausforderung.“

Angespannte Lage in vielen Betrieben

Aus Sicht des Handwerks liegt genau hier das zentrale Problem: Die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe ist weiterhin angespannt. Hohe Energie- und Materialkosten, unsichere Märkte sowie die Nachwirkungen der Pandemie belasten zahlreiche Unternehmen bis heute. Viele arbeiten mit geringen Margen oder schwankenden Gewinnen, Rücklagen wurden in den vergangenen Jahren vielfach aufgebraucht. Zusätzliche freiwillige Leistungen sind daher oft schlicht nicht darstellbar.

Auch die Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald äußert sich kritisch. „Die IHK Nordschwarzwald steht der Entlastungsprämie kritisch gegenüber. Natürlich ist die Steuer- und Abgabenfreiheit durch Arbeitgeber wie Arbeitnehmer zu begrüßen – so kommt die Leistung der Unternehmen bei den Arbeitnehmenden auch in vollem Umfang an. Allerdings müssen die Gelder für solche Zahlungen zunächst erwirtschaftet werden, was für eine wachsende Zahl von Betrieben aufgrund der Ertragslage schwer bis unmöglich ist. Es ist zu erwarten, dass nicht wenige Arbeitnehmende keine Prämie erhalten werden und Mitarbeiterzufriedenheit und Betriebsfrieden darunter leiden können. Für eine allgemeine und unterschiedslose Hilfe wäre vielmehr der Gesetzgeber gefordert, über sein Steuer- und Abgabenrecht die Arbeitnehmenden zu entlasten“, sagt Hauptgeschäftsführerin Tanja Traub.

Konkrete Auswirkungen vor Ort

Wie sich die Pläne konkret auswirken könnten, zeigt ein Beispiel aus Tiefenbronn. Für ein mittelständisches Unternehmen mit 45 Mitarbeitenden würde die Prämie rund 45.000 Euro kosten. „Ich finde, die Politik macht es sich hier zu einfach und wälzt die Belastung wieder auf die Arbeitgeber ab – gerade in der aktuell sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage. Für uns mit 45 Mitarbeitenden würde die Prämie rund 45.000 Euro bedeuten. Dieses Geld muss erst einmal erwirtschaftet werden“, sagt Geschäftsführerin Jasmin Waidner. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sandra Struck führt sie den Familienbetrieb, der in der Stanz- und Umformtechnik sowie im Werkzeugbau tätig ist.

Samuel Wolf, Geschäftsführer der vapic GmbH aus Neubulach, ordnet die Maßnahme differenziert ein:
„Die aktuelle Entlastungsprämie klingt im ersten Moment positiv, verlagert die Verantwortung jedoch auf die Unternehmen, die ohnehin unter hohem wirtschaftlichem Druck stehen. Wenn Betriebe in der Lage sind, die Prämie zu zahlen, kann sie sicherlich eine kurzfristige Unterstützung für Mitarbeitende darstellen. Gleichzeitig darf sie jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nachhaltige Entlastungen Aufgabe der Politik bleiben. Es braucht strukturelle Maßnahmen, die Unternehmen und Bürger gleichermaßen stärken und echte Planungssicherheit schaffen.“

Die vapic GmbH ist ein mittelständisches Industrieunternehmen mit Sitz im Nordschwarzwald und spezialisiert auf industrielle Teilereinigung. Das Unternehmen vereint Anlagenbau, Lohnreinigung und eigene Reinigungschemie unter einem Dach und beschäftigt rund 100 Mitarbeitende.

Solche Stimmen sind in der Region derzeit keine Ausnahme. Viele Betriebe sehen sich ohnehin in einem Spagat: Sie sichern Arbeitsplätze, bilden aus und stehen in der Verantwortung für ihre Mitarbeitenden, gleichzeitig fehlen oft die finanziellen Spielräume für zusätzliche Leistungen.

Während sich kleinere und mittelständische Unternehmen deutlich äußern, halten sich größere Firmen bislang eher zurück. So teilt Amazon auf Anfrage mit: „Es ist tatsächlich noch zu früh, um darüber eine Aussage zu treffen. Wir verweisen aber gerne auf unsere zahlreichen Zusatzleistungen für die Mitarbeitenden wie zum Beispiel das kostenlose Deutschlandticket, jährlich bis zu 4.500 Euro für Aus- und Weiterbildungen und unsere Familienboni.“