Zwei Köpfe, zwei Perspektiven – und eine gemeinsame Liebe zu Pforzheim

Was verbindet einen international erfolgreichen Kosmetikunternehmer mit einem renommierten Architekten? Mehr, als man zunächst vermuten würde. Beim zweiten GOLDKÖPFE Live-Podcast am 8. Oktober im Pforzheimer TurmQuartier trafen Jean-Marc Weiser, CEO des weltweit agierenden Kosmetikunternehmens La Biosthétique Paris, und der Architekt Peter W. Schmidt aufeinander. Zwei Persönlichkeiten, die Pforzheim auf unterschiedliche Weise prägen und deren Blick auf Architektur, Unternehmertum, Nachhaltigkeit und ihre Heimatstadt spannende Gemeinsamkeiten, aber auch überraschende Gegensätze offenbarte.

9.10.2026 | von Sandra Gallian

Pforzheim ist wie ein Gebiss, bei dem einige Zähne fehlen.
Peter W. Schmidt

Dass beide Gesprächspartner nicht nur beruflich, sondern auch persönlich einiges zu erzählen haben, zeigte sich gleich zu Beginn. Moderiert von Sebastian Seibel und Ana Kugli galt es beim Einstiegsspiel „Zwei Wahrheiten und eine Lüge“, aus drei Aussagen jeweils eine erfundene Geschichte herauszufiltern.

Jean-Marc Weiser berichtete von seiner Leidenschaft für Architektur und Design, seiner Begeisterung fürs Reisen, die er mit Besuchen bei Distributoren in rund 30 Ländern verbindet, und einem angeblichen sechsmonatigen Crashkurs im Friseurhandwerk während seiner Jugend. Letzteres entpuppte sich als Lüge – auch wenn der Unternehmer beruflich seit Jahrzehnten eng mit dem Friseurhandwerk verbunden ist.

Peter W. Schmidt wiederum erzählte von seiner Ausbildung bei Siemens und seinem damaligen Traum, eines Tages als Manager am Starnberger See Formulare zu unterschreiben. Außerdem berichtete er von einem nach Mexiko ausgewanderten Onkel, der ihn dazu inspirierte, selbst in Mexiko zu studieren und sich mit den Bauwerken der Maya und Azteken auseinanderzusetzen. Sein angeblicher Kindheitstraum, professioneller Bergsteiger zu werden, war dagegen frei erfunden.

Was sich bereits bei diesem spielerischen Auftakt abzeichnete: Beide Männer verbindet eine große Weltoffenheit, die Begeisterung für Gestaltung und eine besondere Nähe zur Natur.

Beim GOLDKÖPFE Live-Podcast im TurmQuartier diskutierten La Biosthétique-CEO Jean-Marc Weiser und Architekt Peter W. Schmidt über Architektur, Unternehmertum, Nachhaltigkeit und die Zukunft ihrer Heimatstadt. Foto: Sandra Gallian

Was macht ein Gebäude schön – und was einen Menschen?

Auf die Frage, woran man gute Architektur erkenne, hatte Peter W. Schmidt eine klare Antwort. Ein Gebäude müsse sich durch seinen Maßstab, seine Ordnung und seine Materialien in seine Umgebung einfügen. Gute Architektur respektiere die bestehende Struktur einer Stadt oder Landschaft, anstatt sich demonstrativ in den Vordergrund zu drängen.

In Anlehnung an den österreichischen Architekten Adolf Loos bemühte Schmidt das Bild des brüllenden Löwen: Ein gutes Gebäude müsse nicht laut sein, um wahrgenommen zu werden. Architektur solle nicht fremdartig wirken, sondern selbstverständlich Teil ihrer Umgebung werden. Besonders einprägsam war sein Vergleich mit der Kleidung: „Gute Architektur ist nicht das Einstecktuch im Sakko, sondern das Sakko selbst.“

Für Jean-Marc Weiser wiederum steht Schönheit im Mittelpunkt seines unternehmerischen Handelns. Der Markenphilosophie von La Biosthétique Paris entsprechend – „The Culture of Beauty“ – gehe es darum, Schönheit zu kultivieren. Sie sei weit mehr als ein äußerliches Erscheinungsbild. Schönheit bedeute, sich wohlzufühlen, sich attraktiver wahrzunehmen und eine positive innere Haltung zu entwickeln. Zwei unterschiedliche Disziplinen, die sich in einem Gedanken begegnen: Wahre Schönheit entsteht nicht allein durch Äußerlichkeiten, sondern durch das Zusammenspiel von Gestaltung, Wirkung und Gefühl.

Der eine wollte gestalten, der andere wuchs ins Unternehmen hinein

Wie unterschiedlich die Wege der beiden Männer ins Berufsleben verliefen, zeigte ein Blick auf ihre Jugend. Peter W. Schmidt begann zunächst eine Ausbildung bei Siemens. Schon früh bemerkte er jedoch seine Begeisterung für Gebäude, Räume und Gestaltung. Der Wunsch, selbst Architektur zu schaffen, wurde schließlich so groß, dass er seinen beruflichen Weg änderte und Architektur studierte. Die Gründung eines eigenen Architekturbüros war für ihn vor allem Ausdruck von Unabhängigkeit und dem inneren Antrieb, eigene Ideen verwirklichen zu können. Eine prägende Rolle spielte dabei der Architekt Egon Eiermann. Dessen Entwurf für die Matthäuskirche im Pforzheimer Stadtteil Arlinger faszinierte Schmidt nachhaltig. Die Kirche aus den 1950er-Jahren gilt als wichtiger Vorläufer von Eiermanns späterem Entwurf für die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, einem seiner bedeutendsten Werke.

Jean-Marc Weisers beruflicher Weg war dagegen von Beginn an eng mit dem Familienunternehmen verbunden. „Familie und Unternehmen waren eins“, beschrieb er seine Kindheit. Kunden seien beinahe wie Familienmitglieder gewesen. Dass er eines Tages selbst in das Unternehmen einsteigen würde, sei deshalb fast selbstverständlich gewesen. Dennoch begann er nicht direkt in einer Führungsposition. Nach seinem Studium sammelte er zunächst Erfahrungen im Unternehmen, unter anderem im Außendienst. Mit einem Koffer voller Produkte besuchte er Friseur- und Beautysalons, stellte die Marke vor und gewann neue Kunden. Rund zehn Jahre war er im Unternehmen tätig, bevor er Führungsverantwortung übernahm. Seine unternehmerische Haltung ist bis heute von langfristigem Denken geprägt. Nicht permanenter Wachstumsdruck, sondern Konsequenz, Beständigkeit und eine klare Ausrichtung hätten das Familienunternehmen über Jahrzehnte erfolgreich gemacht.

Pforzheims Architektur: Zwischen Wertschätzung und Kritik

Besonders lebhaft wurde das Gespräch, als die beiden Gäste über die Architektur ihrer Heimatstadt diskutierten. Denn hier gingen die Meinungen durchaus auseinander.

Peter W. Schmidt würdigte die architektonische Qualität vieler Pforzheimer Gebäude aus den 1950er-Jahren, deren Wert seiner Ansicht nach viel zu spät erkannt wurde. Gleichzeitig übte er deutliche Kritik am Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Stadt. Anders als beispielsweise in Nürnberg sei in Pforzheim vieles zu schnell wieder aufgebaut worden. Historische Strukturen seien verloren gegangen, breite Verkehrsachsen hätten Schneisen in die Innenstadt geschlagen.

„Pforzheim ist wie ein Gebiss, bei dem einige Zähne fehlen“, beschrieb Schmidt das Stadtbild.

Besonders kritisch sieht er zahlreiche Gebäude aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die seiner Ansicht nach sowohl gestalterisch als auch energetisch problematisch seien. Als Beispiel nannte er das sogenannte Gelbe Haus. Auch aus energetischer Sicht müsse Architektur stärker von der Form her gedacht werden. Eine Kugel etwa sei aufgrund ihres günstigen Verhältnisses von Oberfläche zu Volumen besonders effizient. Jean-Marc Weiser vertrat dagegen einen deutlich positiveren Blick auf die Pforzheimer Innenstadt. Gerade die Wiederaufbauarchitektur zeige er gerne Besuchern. Er empfinde die Innenstadt als spannend und sehe dort zahlreiche Gebäude von hoher gestalterischer Qualität.

Zwei Perspektiven auf dieselbe Stadt: Während der Architekt vor allem auf städtebauliche Brüche und verlorene Qualitäten blickt, erkennt der Unternehmer im Bestehenden einen eigenen Charakter und architektonische Stärken.

Sonnenuntergang über dem Wallberg – betrachtet aus dem 13. Stock des Sparkassenturms. Foto: Sandra Gallian

Ein Hochhaus aus Holz – und ein Gebäude wie eine kleine Stadt

Wie sich Architektur, Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung miteinander verbinden lassen, erläuterte Peter W. Schmidt am Beispiel des Holzhybrid-Hochhauses CARL im Pforzheimer Stadtteil Arlinger, für dessen Entwurf sein Büro verantwortlich zeichnet. Besonders gereizt habe ihn an dem Projekt die Möglichkeit, einen bislang wenig beachteten Ort neu zu definieren. Wo zuvor vor allem Autos parkten, steht heute ein markantes Wohngebäude, das die Stadteinfahrt zum Arlinger aufwertet.

Wichtig war Schmidt dabei auch die Nutzung: Statt hochpreisiger Eigentumswohnungen entstanden Mietwohnungen. Ergänzt wird das Gebäude durch eine Bäckerei und eine Kindertagesstätte. So vereint CARL unterschiedliche Funktionen unter einem Dach und wird selbst zu einer Art kleiner Stadt. Die Kombination aus Stahlbeton und Holz ermöglicht einen ressourcenschonenden großvolumigen Holzbau mit vergleichsweise geringem CO₂-Fußabdruck. Ein Teil des verwendeten Holzes stammt aus dem Pforzheimer Stadtwald, wodurch regionale Materialkreisläufe gestärkt werden. Schmidt schwärmte insbesondere von der Atmosphäre und dem angenehmen Raumklima des Gebäudes. Gleichzeitig machte er deutlich, dass nachhaltiges Bauen seinen Preis habe. Ein hochwertig gefertigtes Holzfenster könne beispielsweise 70 bis 80 Prozent mehr kosten als ein Kunststofffenster.

Nachhaltigkeit ist keine Kür, sondern Verpflichtung

Dass Nachhaltigkeit auch in der Kosmetikbranche längst eine zentrale Rolle spielt, machte Jean-Marc Weiser deutlich. Bei La Biosthétique Paris sei nachhaltiges Handeln fest in der Unternehmensphilosophie verankert. Es betreffe nicht nur einzelne Produkte, sondern die gesamte Wertschöpfungskette – von Energie und Rohstoffen über die Produktion bis hin zu Verpackung, Versand und Logistik.

Für dieses Engagement wurde das Unternehmen mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit erfahre wie noch vor einigen Jahren, bleibe es für La Biosthétique eine Selbstverständlichkeit. Nachhaltigkeit sei kein kurzfristiger Trend, sondern Teil der unternehmerischen DNA.

Eine Marke aus Pforzheim erobert die Welt

Wie international das Pforzheimer Familienunternehmen heute aufgestellt ist, wurde beim Blick auf die unterschiedlichen Absatzmärkte deutlich. Während in Deutschland das Friseurhandwerk traditionell eine zentrale Rolle im Vertrieb spielt, funktionieren andere Märkte nach ganz eigenen Regeln. In Asien beispielsweise werde ein großer Teil der Produkte online bestellt. Auch in China, einem der wichtigsten Absatzmärkte, seien Friseursalons nicht der dominierende Vertriebskanal. Entscheidend für den internationalen Erfolg seien deshalb fundierte Marktkenntnisse, belastbare Netzwerke und eine sorgfältige Vorbereitung. Auf eine Frage aus dem Publikum zur Rolle der sozialen Medien erklärte Weiser, dass Social Media für La Biosthétique vor allem der Markenbildung und Imagepflege diene und weniger als unmittelbarer Vertriebskanal.

Peter W. Schmidt wiederum nutzt soziale Medien persönlich nur eingeschränkt. In seinem Architekturbüro seien sie jedoch insbesondere für jüngere Mitarbeitende ein wichtiges Instrument zur Kommunikation und Vernetzung. Wie viel Pforzheim tatsächlich in der internationalen Marke La Biosthétique Paris steckt, wollte schließlich Lisa Dengler aus dem Publikum wissen.

Weisers Antwort machte deutlich, wie eng das Unternehmen trotz seiner weltweiten Präsenz mit seiner Heimat verbunden ist. Sämtliche Produkte seien Eigenentwicklungen, Patente und Infrastruktur hätten ihren Ursprung in Pforzheim. Gleichzeitig sei die internationale Ausrichtung der Marke ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Eine Marke wie La Biosthétique Paris hätte man, so Weiser sinngemäß, kaum besser erfinden können.

Mehr Ruhe, mehr Selbstbewusstsein: Was Pforzheim besser machen könnte

Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Sichtweisen waren sich beide Gesprächspartner in einem Punkt einig: Pforzheim wird häufig unterschätzt und sollte seine Qualitäten deutlich selbstbewusster nach außen tragen.

Peter W. Schmidt sieht eine der größten Herausforderungen heutiger Städte in der zunehmenden Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Unterschiedliche Materialien, uneinheitliche Möblierung und ein unruhiges Stadtbild erzeugten visuelles Chaos. Sein Plädoyer: weniger gestalterische Beliebigkeit, mehr Ordnung und Ruhe. Einheitliche Bodenbeläge, aufeinander abgestimmte Sitzgelegenheiten und eine klare Gestaltung könnten die Aufenthaltsqualität erheblich verbessern. Als positives Beispiel nannte er den Markusplatz in Venedig. Dessen einheitliche Gestaltung vermittle eine besondere Harmonie. Kaum jemand fühle sich dort unwohl.

Jean-Marc Weiser betonte dagegen vor allem die oft übersehenen Stärken Pforzheims: die zahlreichen Grünflächen, die drei Flüsse und die Nähe zur Natur. Die Stadt habe weit mehr zu bieten, als ihr Ruf vermuten lasse.

Dass die Bewerbung Pforzheims um den Titel Kulturhauptstadt Europas nicht erfolgreich war, bedauerten beide. Umso wichtiger sei es, die vorhandenen Potenziale zu erkennen, weiterzuentwickeln und nach außen sichtbar zu machen.

Am Ende zieht es beide in die Natur

Die abschließende Frage nach ihrem liebsten Freizeitort führte die beiden Gesprächspartner wieder zusammen. Jean-Marc Weiser verbringt seine freie Zeit am liebsten draußen, etwa bei Spaziergängen mit seinem Hund. Auch Peter W. Schmidt, dessen Architekturbüro am Fuß des Wallbergs liegt, ist nach wie vor begeisterter Wanderer und Läufer. Gerade die unmittelbare Nähe zur Natur gehört für ihn zu den größten Qualitäten seiner Heimatstadt. „Pforzheim ist in Baden-Württemberg vom Naherholungswert von kaum einer anderen Stadt zu toppen“, lautete sein überzeugtes Schlusswort.