Trauer um einen Menschen mit „permanenter konstruktiver Unzufriedenheit“

dm-Gründer Götz W. Werner ist am Vormittag des 8. Februar 2022 verstorben, nur wenige Tage nach seinem 78. Geburtstag. Seine Familie teilte mit, dass seine Kräfte in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich nachgelassen hätten, sodass er seinen Tätigkeitsradius gesundheitsbedingt immer stärker einschränken musste. Dies habe er mit großer Tapferkeit ertragen.
Mitarbeitende, Geschäftspartner und Weggefährten trauern mit der Familie um dm-Gründer Götz W. Werner, der im Alter von 78 Jahren verstorben ist. ©AlexStiebritz

Von Gerd Lache | 08.02.2022

Die Besuche von Götz W. Werner im Forum des Pforzheimer Medienhauses, zu dem auch das Magazin WirtschaftsKRAFT gehört, waren immer eine Inspiration und sie hallten positiv nach. Wenn Götz Werner beispielsweise im Rahmen einer Buchvorstellung über seine Ansichten zur Notwendigkeit des Bedingungslosen Grundeinkommens für die Menschen in Deutschland referierte und sinnierte und engagiert argumentierte, dann hatte er den Großteil der Zuhörenden auf seiner Seite.

Doch populär wurde der bekennende Anthroposoph mit seiner Art der Unternehmensführung in der von ihm gegründeten Filialkette dm-drogerie. Seine Prinzipien waren hergeleitet von Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität. Beschäftigten –  er nannte sie schon lange Zeit vor dem Gender-Hype geschlechtsneutral Mitarbeitende – diese Mitarbeitenden waren für ihn ein Kreativposten und nicht ein Kostenfaktor.

dm-Filialen bekommen ein großes Maß an Selbstverantwortung, bestimmen beim Sortiment mit, gestalten ihre Dienstpläne selbst und bestimmen teilweise sogar bei der Besetzung ihrer Führungskräfte und ihres Gehalts mit.

Großer Publikumszulauf war garantiert, wenn Götz W. Werner (zweiter von links) auftrat, beispielsweise hier 2017 mit seinen Co-Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich (von links) im Forum des Pforzheimer Medienhauses zur Vorstellung des Buchs über das Bedingungslose Grundeinkommen. Moderiert wurde die Veranstaltung vom damaligen Wirtschaftsredakteur Gerd Lache (rechts). ©ThomasMeyer

Götz W. Werner wurde am 5. Februar 1944 als Sohn eines Drogisten in Heidelberg geboren. Wie es in einer Medienmitteilung von dm heißt, war sein größter Wunsch, eines Tages selbst Drogist zu werden und für die Kunden da zu sein. Er absolvierte eine Drogisten-Lehre in Konstanz und trat nach abgeschlossener Ausbildung zunächst in die väterliche „Drogerie Werner“ ein. Seine Ideen fanden jedoch keinen Anklang, also verließ er 1969 seine Heimatstadt Heidelberg und trat in das Karlsruher Unternehmen „Drogerie Roth“ ein.
Da er sich auch dort mit seiner Idee nicht durchsetzen konnte, entschloss sich Werner 1973 mit dm-drogerie markt seine Ideen selbst zu verwirklichen.

Vision vom selbstbestimmten Mitarbeitenden
Werners Vision von Rahmenbedingungen, die Menschen in die Lage versetzen, sich ins Unternehmen einzubringen und ihren individuellen, selbstbestimmten Lebensweg zu finden, gab seinem Innovationsdrang Richtung und Durchschlagskraft, heißt es weiter. So entstand die Arbeitsgemeinschaft dm-drogerie markt, die von vielen zunächst als ungewöhnlich, mit der Zeit jedoch als visionär verstanden wurde.

Seine Maxime der „permanenten, konstruktiven Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen“ und der daraus erwachsende Wille, das Unternehmen immer wieder zu verändern, prägten den Erfolg von dm maßgeblich, wird im Nachruf des Unternehmens bekräftigt.

dm-drogerie markt sei heute in 14 europäischen Ländern aktiv. Mehr als 66.000 Menschen bilden die Arbeitsgemeinschaft; dm sei mit einem Umsatz von 12,3 Milliarden Euro Marktführer in Europa.

Freiraum für Eigeninitiative ermöglichen

Bereits seit Anfang der 1990er Jahre und verstärkt nach seinem Abschied aus der operativen Verantwortung 2008 widmete Werner seine Zeit der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens, für die er in vielen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen warb. In ihr sah er einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, um auch in Zeiten zunehmender Globalisierung, Digitalisierung und Automatisierung den Menschen Freiraum für Eigeninitiative zu ermöglichen und die Teilnahme wie die Teilhabe am Leben der freien Bürgergesellschaft zu ermöglichen. „Dass er die Vollendung dieser Idee nicht mehr erleben würde, war ihm stets bewusst. Gleichwohl hat er sich dafür mit großer Energie eingesetzt, weil er sie für sich als richtig und sinnvoll erkannte“, heißt es.
Anerkennung fand Götz W. Werner auch in der akademischen Welt, als ihn die Universität Karlsruhe im Mai 2005 mit der Leitung des Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship beauftragte und ihm den Professoren-Titel verlieh.

Außergewöhnlicher Lebensbegleiter

Sein Sohn Christoph Werner, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm, sagte, sein Vater und außergewöhnlicher Lebensbegleiter sei friedlich verstorben, er und die Familie seien in tiefer und stiller Trauer. Götz W. Werner wohnte zuletzt mit Ehefrau Beatrice in Stuttgart. Er hinterlässt sieben Kinder und mehrere Enkel.

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dm-drogerie markt

Europaweit arbeiten bei dm-drogeriemarkt mehr als 66.000 Menschen in über 3.800 Märkten. In den derzeit 13 europäischen Ländern konnte dm im Geschäftsjahr 2020/2021 einen Umsatz von 12,3 Milliarden Euro erreichen. Die mehr als 42.000 dm-Mitarbeitenden in Deutschland erwirtschafteten in diesem Zeitraum einen Umsatz von 9,04 Milliarden Euro. dm ist zudem bei den Kunden der beliebteste Händler im Lebensmitteleinzelhandel, so das Ergebnis der Verbraucherbefragung „Kundenmonitor Deutschland 2021“. dm arbeitet stetig daran, Prozesse innerhalb des Unternehmens zu verbessern und seiner Verantwortung für nachhaltige Entwicklung gerecht zu werden. Einen Einblick in die vielfältigen Nachhaltigkeitsaktivitäten in den unterschiedlichen Bereichen gibt es im „Bericht zur Zukunftsfähigkeit“:

https://www.dm.de/unternehmen/nachhaltigkeitsbericht