22.05.2026
Bemerken Sie es erst, wenn Ihr Körper sich meldet, Sie gereizter reagieren als angebracht? Oder dann, wenn Sie feststellen, dass Sie nur noch am Abhaken von Punkten auf Ihrer To-do-Liste sind?
In meinen Gesprächen begegnen mir immer wieder Menschen, die unglaublich viel leisten. Menschen, die für andere da sind, sich kümmern, organisieren, Verantwortung tragen und dabei oft gar nicht wahrnehmen, wieviel sie jeden Tag stemmen. Diese Menschen sind wahre Meister darin, durchzuhalten. Leider wird es immer noch oft als Schwäche oder Versagen empfunden, wenn wir feststellen: „Ich kann nicht mehr, ich brauche eine Pause.“
Vielleicht kennen Sie das: Der Wecker klingelt, der Tag beginnt und noch bevor Sie richtig wach sind, läuft innerlich schon die To-do-Liste an. Arbeit, Familie, Haushalt, Nachrichten beantworten, an andere denken, funktionieren. Der Tag läuft – und plötzlich ist Abend. Und dann gibt es irgendwann diesen einen stillen Moment auf dem Sofa, mit einer Tasse Tee in der Hand, in dem sich eine kleine Frage einschleicht:
Wo war ich heute eigentlich selbst in meinem eigenen Leben?
Ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Menschen gar nicht so sehr nach einer Weltreise oder zwei Wochen Wellnesshotel sehnen. Oft wünschen wir uns etwas viel Kleineres – und gleichzeitig etwas unglaublich Wertvolles: ein paar Minuten, in denen niemand etwas von uns möchte. Ein paar Minuten ohne Erwartungen, ohne Termine und ohne dieses ständige Gefühl, noch etwas erledigen zu müssen.
Es geht um kleine Momente, in denen wir einfach sein dürfen. Einen tiefen Atemzug am offenen Fenster nehmen, die Sonne kurz im Gesicht spüren oder eine Tasse Tee oder Kaffee trinken, ohne am Handy zu scrollen, sondern tatsächlich nur genießen. Es geht nicht um riesige Veränderungen, sondern eher um kleine Ruheinseln mitten im Alltag.
Vielleicht beginnt eine Auszeit deshalb gar nicht erst im Urlaub, vielleicht beginnt sie viel früher und mit einer kleinen Frage:
Wann haben Sie sich zuletzt ein paar Minuten für sich selbst geschenkt?
Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen.
Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies. Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit. An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte der Vorarbeiter. „Weiter so.“
Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett. Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm aber nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen. „Ich muss müde sein“, dachte er. Und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen.
Im Morgengrauen erwachte er mit dem festen Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu übertreffen. Er schaffte noch nicht einmal die Hälfte.
Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume, und am übernächsten fünf, seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen.
In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war, und schwor Stein und Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen. Der Vorarbeiter fragte ihn: „Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?“ „Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.“
Aus dem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay
Mehr zu Antje Holzer lesen Sie unter:
https://www.antjeholzer.de/deineauszeit
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In meinen Gesprächen begegnen mir immer wieder Menschen, die unglaublich viel leisten. Menschen, die für andere da sind, sich kümmern, organisieren, Verantwortung tragen und dabei oft gar nicht wahrnehmen, wieviel sie jeden Tag stemmen. Diese Menschen sind wahre Meister darin, durchzuhalten. Leider wird es immer noch oft als Schwäche oder Versagen empfunden, wenn wir feststellen: „Ich kann nicht mehr, ich brauche eine Pause.“
Vielleicht kennen Sie das: Der Wecker klingelt, der Tag beginnt und noch bevor Sie richtig wach sind, läuft innerlich schon die To-do-Liste an. Arbeit, Familie, Haushalt, Nachrichten beantworten, an andere denken, funktionieren. Der Tag läuft – und plötzlich ist Abend. Und dann gibt es irgendwann diesen einen stillen Moment auf dem Sofa, mit einer Tasse Tee in der Hand, in dem sich eine kleine Frage einschleicht:
Wo war ich heute eigentlich selbst in meinem eigenen Leben?
Ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Menschen gar nicht so sehr nach einer Weltreise oder zwei Wochen Wellnesshotel sehnen. Oft wünschen wir uns etwas viel Kleineres – und gleichzeitig etwas unglaublich Wertvolles: ein paar Minuten, in denen niemand etwas von uns möchte. Ein paar Minuten ohne Erwartungen, ohne Termine und ohne dieses ständige Gefühl, noch etwas erledigen zu müssen.
Es geht um kleine Momente, in denen wir einfach sein dürfen. Einen tiefen Atemzug am offenen Fenster nehmen, die Sonne kurz im Gesicht spüren oder eine Tasse Tee oder Kaffee trinken, ohne am Handy zu scrollen, sondern tatsächlich nur genießen. Es geht nicht um riesige Veränderungen, sondern eher um kleine Ruheinseln mitten im Alltag.
Vielleicht beginnt eine Auszeit deshalb gar nicht erst im Urlaub, vielleicht beginnt sie viel früher und mit einer kleinen Frage:
Wann haben Sie sich zuletzt ein paar Minuten für sich selbst geschenkt?
Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen.
Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies. Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit. An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte der Vorarbeiter. „Weiter so.“
Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett. Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm aber nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen. „Ich muss müde sein“, dachte er. Und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen.
Im Morgengrauen erwachte er mit dem festen Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu übertreffen. Er schaffte noch nicht einmal die Hälfte.
Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume, und am übernächsten fünf, seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen.
In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war, und schwor Stein und Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen. Der Vorarbeiter fragte ihn: „Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?“ „Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.“
Aus dem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay
Mehr zu Antje Holzer lesen Sie unter:
https://www.antjeholzer.de/deineauszeit
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