16+ mit Emese Weissenbacher, Executive Vice President und Chief Operating Officer von MANN+HUMMEL

Mit Emese Weissenbacher, Chief Operating Officer von MANN+HUMMEL, sprechen wir über prägende Wendepunkte ihrer Karriere, Führung in Zeiten permanenter Veränderung und die Bedeutung von Mut, Zuhören und Verantwortung. Im Interview erzählt sie, wie echte Leistung im Team entsteht, wie Vereinbarkeit gelingen kann – und was sie antreibt, auch nach über 30 Jahren im Unternehmen immer wieder Neues zu gestalten.
Emese Weissenbacher, Chief Operating Officer (COO) von MANN+HUMMEL, verantwortet die globale Lieferkette und engagiert sich als Mentorin für Karriere- und Führungsthemen. Foto: MANN+HUMMEL

26.01.2026

Seit 2025 ist Emese Weissenbacher Executive Vice President und Chief Operating Officer von MANN+HUMMEL. Sie ist seit rund 30 Jahren im Unternehmen tätig, verantwortete von Juli 2015 bis Juli 2025 die Funktion der Chief Financial Officer (CFO) und wurde im Jahr 2022 als CFO des Jahres ausgezeichnet. Als Chief Operating Officer trägt sie derzeit End-to-End-Verantwortung für die globale Lieferkette. Neben ihrer Führungsrolle engagiert sich Emese Weissenbacher leidenschaftlich – sei es als Mentorin oder als Podiumssprecherin für Themen rund um Wirtschaft, Karriere und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

1. Was war rückblickend der wichtigste Wendepunkt in Ihrer Karriere – und warum?

Wenn ich einen Wendepunkt nennen müsste, dann war es der Moment, in dem ich nach fünf Jahren den Finanzbereich verließ, um eine Produktionseinheit zu übernehmen. Bis dahin war ich als Controllerin eher in der zweiten Reihe unterwegs mit indirektem Einfluss auf das Unternehmensgeschehen. In der neuen Rolle trug ich plötzlich Verantwortung für rund 500 Menschen, ohne selbst Fachkenntnisse in ihrem Bereich zu haben. Ein Team mit unterschiedlichen Altersgruppen, Qualifikationen, Erfahrungen und Funktionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damals gab ein erfahrener Kollege mir einen Rat, der mich bis heute begleitet: „Hören Sie den Menschen erst zu, bevor Sie etwas verändern.“ In dieser Rolle habe ich gelernt, wie entscheidend es ist, zunächst zu verstehen, was Menschen bewegt und was sie motiviert. Wenn man erkennt, dass jeder sein Bestes geben will, kann man Veränderungen erklären und sie gemeinsam gestalten.

2. Wie gehen Sie mit Rückschlägen oder Misserfolgen um?

Ich habe gelernt, dass Rückschläge dazugehören – sie sind kein Zeichen von Scheitern, sondern Teil von Entwicklung. Man stößt an Grenzen, versteht sich selbst besser und wächst daran. Wenn man hinfällt, darf man sich auch mal ärgern, aber nicht darin verharren. Meine Strategie: kurz reflektieren, daraus lernen und am nächsten Tag weitergehen. Selbstmitleid bekommt maximal einen Tag, dann heißt es: aufstehen, schütteln, weitermachen.

3. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Mein Führungsstil ist situativ und orientiert sich an den Menschen, mit denen ich arbeite und an dem Sachverhalt. Ich begleite als Mentorin oder Coach, stelle Fragen, gebe Orientierung und schaffe Raum für Entwicklung. Gleichzeitig braucht Führung aber auch Klarheit und Richtung. Wenn es nötig ist, kann ich auch sehr direkt führen. Im Kern bleibt jedoch immer dasselbe entscheidend: zuhören, Fragen stellen, verstehen und auf dieser Basis verantwortungsvoll entscheiden – das aber schnell.

4. Welchen Ratschlag würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?

Ich würde meinem jüngeren Ich raten Neugier, Offenheit, Mut und Zuversicht nie zu verlieren und in kritischen Situationen Leichtigkeit zu bewahren. Nicht alles immer zu ernst zu nehmen und Persönliches klar von der Sache zu trennen. Und ich würde ihr mitgeben, schneller zu lernen, mit Fragen zu führen und gut zuzuhören. Menschen befinden sich auf ihrer Reise der Veränderung nicht alle an derselben Stelle. Der Reifegrad, die Bereitschaft und die Geschwindigkeit, mit der jemand Veränderung versteht und annimmt, können sehr unterschiedlich sein. Wenn man das erkennt, kann man besser entscheiden, wo man Zeit investiert, wen man mitnehmen kann und wo es andere Wege braucht.

5. Was waren für Sie die wichtigsten Karrieretreiber und Karriereförderer?

Im Rückblick war für meine Entwicklung entscheidend, dass ich sichtbar geworden bin, indem ich mutig und offen Verantwortung übernommen habe – oft in Themen, in die ich ohne umfassende Vorerfahrung und Wissen hineingesprungen bin. Das hat mir geholfen, schnell zu lernen, Wirkung zu zeigen und Selbstsicherheit aufzubauen. Gleichzeitig war mir der respektvolle Umgang mit Menschen immer wichtig. Ich habe immer den geraden Weg gesucht, um, Entscheidungen gemeinsam zu entwickeln und zu tragen. Erfolg entsteht nur im Team, nie im Alleingang. Es ist für mich sehr wichtig Menschen mit echtem Interesse, Offenheit und Wertschätzung zu begegnen. Nachhaltiger Erfolg entsteht nur dort, wo Professionalität und Menschlichkeit zusammenkommen. Zudem habe ich früh gelernt, das Unternehmensinteresse über das eigene zu stellen. Diese Haltung wurde gesehen und hat mich in meiner Karriere immer weitergebracht.

6. Wie konnten Sie Ihren Beruf mit dem Privatleben vereinen?

Ich bin überzeugt, dass sich Karriere und Familie gut miteinander vereinbaren lassen, wenn man es wirklich will. Für mich war wichtig zu verstehen, dass nicht jede Phase im Leben gleich schnell verläuft. Karriere ist keine Einbahnstraße, sondern eher eine Autobahn mit verschiedenen Spuren – mal fährt man schneller, mal nimmt man bewusst Tempo heraus und setzt andere Prioritäten. Ich habe früh ein verlässliches Netzwerk aus Familie und Freunden aufgebaut und flexibel gearbeitet, wann immer es nötig war. Es braucht Organisation, Ausdauer und die Bereitschaft, in beiden Welten Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig hilft es, sich eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren und zu akzeptieren, dass Perfektion kein realistischer Maßstab ist. Entscheidend ist es aber auch, dass Arbeitgeber Rahmenbedingungen schaffen, in denen Familie und Beruf selbstverständlich zusammengehören – nicht als Widerspruch, sondern als Bereicherung.

7. Was haben Sie kürzlich zum ersten Mal ausprobiert?

Kürzlich habe ich etwas ausprobiert, das weit weg vom Berufsalltag liegt: Ich bin gemeinsam mit meinem Sohn und Schwiegersohn eine High-Speed-Rutsche hinuntergerutscht und war mit meiner Enkeltochter in einem sieben Meter hohen Kletterhaus – beides zum ersten Mal. Dieser Moment voller Tempo und Leichtigkeit hat mir gezeigt, wie gut es tut, Neues auszuprobieren und sich darauf einzulassen.

8. Was waren ihre drei wichtigsten Learnings?

Erstens: Wirkliches Wachstum entsteht dort, wo es anspruchsvoll wird. Herausforderungen, gerade die schwierigen, haben mich immer weitergebracht als jede Routine. Zweitens: Im Mittelpunkt steht der Mensch. Wer zuhört, versteht und die Perspektiven anderer ernst nimmt, schafft die Grundlage für Vertrauen, Zusammenarbeit und Veränderung. Und drittens: Leistung zählt. Sichtbar wird man nicht durch Worte, sondern durch verlässliche Ergebnisse und indem man Verantwortung übernimmt.

9. Gab es eine Entscheidung, von der Sie heute sagen: „Die würde ich genauso wieder treffen“?

Ja, die Entscheidung, den Controlling-Bereich zu verlassen und in die operativen Bereiche zu wechseln. Sie hat meine Entwicklung maßgeblich geprägt. In der Produktion habe ich Erfahrungen gesammelt, die ich im reinen Finanzumfeld nie gemacht hätte. Ohne diese Jahre und die Herausforderungen, die ich in dieser Zeit durchlaufen habe, hätte ich weder zehn Jahre erfolgreich als CFO wirken noch den Schritt in die Rolle der COO gehen können.

10. Welche Eigenschaften machen für Sie eine gute Führungskraft in Zeiten permanenter Veränderung aus?

Wir leben in einer volatilen, unsicheren und mehrdeutigen Welt. Führungskräfte müssen das Heute effizient steuern und parallel auch die Zukunft aktiv gestalten. Dabei müssen sie mit klarer Haltung Orientierung geben, indem sie mutig mit 60-70% der Informationen schnell Entscheidungen treffen. Opportunismus ist in dieser Zeit fehl am Platz. Ebenso wichtig ist für mich die Arbeit mit Menschen und Entwicklung unserer Mitarbeiter. Führung bedeutet, Talente zu erkennen, Perspektiven zu eröffnen und ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen wachsen können. Und schließlich braucht es die Bereitschaft zu lernen. In einer Welt, die sich ständig verändert, reicht Resilienz allein nicht mehr aus. Entscheidend ist die Fähigkeit, im Wandel stärker zu werden.

11. Womit kann man in der Karriere sichtbar werden, ohne laut zu sein?

Sichtbar wird man nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung und Ergebnisse. Wer bereit ist, auch Aufgaben außerhalb des eigenen Kompetenzbereichs zu übernehmen, zeigt Verantwortungsbereitschaft. Sichtbarkeit entsteht, wenn man verlässlich liefert und wenn deutlich wird, dass man andere auf dem Weg mitnehmen kann. Gute Leistung, gepaart mit der Fähigkeit, Menschen zu überzeugen und einzubinden, spricht für sich selbst.

12. Welchen Menschen bewundern Sie und warum?

Mein Respekt gilt Menschen, die Verantwortung übernehmen und handeln auch dann, wenn nicht alle Rahmenbedingungen klar sind. Menschen, die Chancen ergreifen und mit Überzeugung die Zukunft gestalten. Ich bewundere diejenigen, die aus innerem Antrieb etwas erreichen und bewegen wollen, die mit Ausdauer konsequent handeln, ohne sich von Opportunismus leiten zu lassen. Und ich schätze Menschen, die ihre Neugier bis ins hohe Alter bewahren, offen bleiben für Neues, bereit sind, dazuzulernen – und die sich dabei ihren Humor erhalten und über sich selbst lachen können.

13. Was bedeutet Mut für Sie im Führungsalltag?

Mut im Führungsalltag bedeutet für mich, unternehmerisch zu handeln und Verantwortung nicht einfach nur weiterzureichen, sondern bewusst zu übernehmen. Er zeigt sich auch in der Fähigkeit, sich verletzlich zu zeigen, Fehler offen zuzugeben, sich zu entschuldigen und die eigene Position zu hinterfragen und auch zu ändern. Und Mut heißt für mich ebenso, neugierig zu bleiben, Neues auszuprobieren und den Kurs anzupassen, wenn es die Situation erfordert.

14. Wie fördern Sie in Ihrem Umfeld Neugier und Lernbereitschaft?

Ich versuche, Räume zu schaffen, in denen man ausprobieren darf. Fehler sind kein Makel, sondern Lernmomente. Wir sprechen offen über Erfahrungen, teilen Wissen, geben Feedback. Fortschritt zählt mehr als Perfektion. Lernen ist ein Prozess, kein Ereignis. Nicht alles gelingt sofort, aber genau darin liegt der Wert: wer ausprobiert, wächst. Und wer lernt, wird automatisch besser. All das ersetzt die intrinsische Motivation des Einzelnen dennoch nicht. Es braucht beides: ein Umfeld, das Lernen ermöglicht, und Menschen, die aus eigenem Antrieb wachsen wollen.

15. Was verstehen Sie unter guter Zusammenarbeit und was macht Teams wirklich stark?

Gute Zusammenarbeit basiert für mich auf Vertrauen, gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Anspruch, Leistung zu erbringen und Ergebnisse zu erzielen. Starke Teams entstehen dort, wo Vielfalt als Stärke verstanden wird, und jeder weiß, welchen Beitrag er zum gemeinsamen Erfolg leisten muss und dies auch tut. Kontroverse Diskussionen gehören dazu, denn man muss nicht immer einer Meinung sein. Entscheidend ist, dass alle das gleiche Ziel verfolgen und Konflikte verantwortungsvoll und selbstständig gelöst werden.

16. Was treibt Sie persönlich an, auch nach vielen Jahren im Unternehmen Neues zu gestalten?

Ich sehe es als meine Verantwortung, unser Unternehmen so aufzustellen, dass es auch in den kommenden 85 Jahren erfolgreich bestehen kann. Dazu gehört für mich auch soziale Verantwortung – insbesondere für unsere rund 22.000 Mitarbeitenden und ihre Familien und dafür, ihre Zukunft nachhaltig zu sichern. Das setzt voraus, dass Prozesse, Strukturen und Kompetenzen immer wieder auf die nächste Ebene gehoben werden und wir alle bereit sind, uns weiterzuentwickeln und neue Fähigkeiten aufzubauen. Resilienz allein reicht dafür heute nicht mehr. Resiliente Systeme halten stand aber antifragile Systeme werden durch äußere Einflüsse stärker – sie lernen aus Disruption und verbessern sich gerade in der Krise. Genau diese Fähigkeit brauchen wir: nicht nur in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren, sondern aus Veränderung gestärkt hervorzugehen.

+ Mal angenommen, Sie könnten die ganze Welt erreichen: Welche Botschaft(en) würden Sie den Menschen mitteilen?

Ich würde den Menschen mitgeben, dass jede Meinung eine Berechtigung hat, solange wir einander mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Echte Veränderung beginnt dort, wo wir bereit sind, zuzuhören, nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen. Dazu gehört auch, anderen mit Empathie zu begegnen, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und bereit zu sein die eigene Meinung auch mal zu ändern, wenn neue Perspektiven überzeugen. Fortschritt entsteht nur, wenn wir bereit sind, das Interesse der Gemeinschaft auch einmal vor das eigene zu stellen und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Und um all das zu können, braucht es die Fähigkeit, die Welt einzuordnen. Deshalb würde ich jeden ermutigen, ein Leben lang zu lernen. Bildung schafft die Grundlage, unabhängig und kritisch zu denken und sich nicht von Vorurteilen oder falschen Informationen leiten zu lassen. Wer bereit ist zu lernen, behält Orientierung – auch in einer zunehmend komplexen, unsicheren und mehrdeutigen Welt.

Das Interview führten Tanja Meckler / Mirjam Müller